Occupy Gezi – Diren Gezi | Teil 2

DemonstrationDie Ansichtsweise hängt von der Parteizugehörigkeit ab, bei manchen wird diese durch die politische Gesinnung verändert, bei anderen durch die religiöse Haltung oder eben auch durch herkunftsabhängige Gedanken. In allen Fällen werden Böse und Gute gegenüber gestellt, Opferrollen verteilt und Übergriffe vertuscht. Dass es in der Türkei viele offene problematische Themen gibt, darüber braucht keiner zu schweigen, da sie öffentlich bekannt sind. Doch mit der Zeit nervt es, durch Vorurteile geprägte Rollenverteilungen zu unterstützen, ohne die, bloß durch die Medien berichteten, Tatsachen zu hinterfragen. In den westlichen Augen sind die Guten natürlich die Demonstranten, die für Demokratie kämpfen und der willkürlichen Gewalt der Polizisten, nein, der Armee, ausgesetzt sind. Diese bösen Polizisten und Soldaten sind vom genauso bösen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan beauftragt, die Aufständigen brutal niederzuschlagen.

Gut gegen Böse.

Die bloß friedlichen Demonstranten gegen die bewaffnete Armee, wie soll das bloß nur ausgehen? Als würde das nicht reichen, haben die Wasserwerfer im Tank ein Chemikaliengemisch, um die Demonstranten sofort außer Gefecht zu setzen. Nicht nur Frauen wurden verprügelt, sondern auch Kinder, Rechtsanwälte, die auf der Seite der Demonstranten waren, aber auch bloße Baumschützer. Hotels und Krankenhäuser wurden gestürmt, um die geflüchteten Demonstranten zu verhaften. Die Ärzte, die sich bereiterklärt haben, die Verletzten zu versorgen, wurden ebenso verhaftet. Eine bodenlose Frechheit, obwohl sie alle doch zu den Guten gehören?

Aus welchem Grund haben die Medien nicht von den Faschingsärzten berichtet, die sich als Ärzte verkleidet haben, obwohl sie eigentlich einen anderen Beruf ausüben und keinerlei medizinische Ausbildung haben? Als Beispiel fällt mir da ein Sänger mit kurdischen Wurzeln und mäßigem Erfolg ein, der zwar in Ärztekittel mit Blutflecken festgenommen wurde, allerdings kein Arzt ist oder diverse regionale Politiker der Opposition.

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Türkei, Erdogan und Alkohol

Erdbeer in ProseccoHeutzutage lässt man sich entspannt von der Medienlandschaft blenden, anstatt sich selbst Wissen anzueignen, von zuverlässigen Quellen, so auch die gut informierten Menschen, die Erdogan mit einem Alkoholverbot in Verbindung bringen. Erdogan soll hier in diesem Fall keineswegs beschützt werden, noch von mir assistiert, noch arbeite ich in seiner Presseabteilung – doch Unwissen macht mich allergisch. In diesem Fall ist Unwissen falsch, eher ein falsches Wissen, gehört vom Nachbarn, weitergegeben an die Freunde. Prost, auf Erdogan, angestoßen wird natürlich mit Raki, um 23:30. Doch wo sollen wir kurz vor Mitternacht Raki einkaufen?

Doch bevor die Reise in die weite Ferne geht, bleiben wir vorerst in Europa, die Nachbarländer laden uns herzlichst ein. Die Reise geht nach Deutschland, unserem Lieblingsnachbarland, in Fußball kann Österreich dem „großen Bruder“ nur nacheifern, in anderen Bereichen ist es allerdings genau umgekehrt. In Baden-Württemberg ist seit 1. März 2010 der nächtliche Verkauf von Alkohol an Tankstellen, Supermärkten und Kiosken verboten. Genau genommen ist der Zeitraum zwischen 22.00 und 05.00 betroffen. Als Grund gab Innenminister Heribert Recht (CDU) an, dass dadurch der übermäßige Alkoholkonsum gedämpft und dadurch nächtlichen Aggressions- und Gewaltszenen ein Ende gesetzt wird. Auch am Nürnberger Hauptbahnhof ist es verboten, in den Nächten vor Samstag und Sonntag und vor Feiertagen Alkohol zu konsumieren. In Deutschland wurden viele weitere Alkoholverbotszonen ins Leben gerufen, die zu einem großen Teil die öffentlichen Plätze abdecken. Dass diese Verbotszonen vor Gericht anfechtbar sind, hat uns bereits die Vergangenheit gezeigt, wie zum Beispiel HIER.

Unsere Reise geht weiter, weiter nördlich, diesmal nach Schweden. Auch wenn der 7. Juni 2013 für sie ein schwarzer Tag war und sie seitdem auf Österreich nicht sonderlich gut anzusprechen sind – Schweden hat ein strenges Konzept, was den Verkauf von Alkohol bekommt. Hochprozentiges (> 3,5%) bekommt man nur in Systembolaget, sprich, nach Ladenschluss ist Schluss. Danach besteht noch die Möglichkeit an Tankstellen oder in Supermärkten Bier (folköl) oder Cider (max. 3,5%) erwerben. Der Verkauf von alkoholischen Getränken ist ein Staatsmonopol.

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Occupy Gezi – Diren Gezi | Teil 1

Park

Seit über zwei Wochen sind die Begriffe Istanbul, Taksim, Gezi,  „friedliche“ Demonstranten, „Diktator“ Erdogan, kaltblütige Polizei, Tränengaseinsatz, Auftragsmorde, Festnahmen – als bloße Schlagworte – in den wahrlich glaubhaften Medien stark verankert. Unabhängig davon, dass tagtäglich dieselben Bildmaterialien und Informationen wiederholt werden, freut man sich über ausgefüllte Sendezeiten, gesetzte Zeitungsseiten, aber auch über bodenlose Propagandamittel, falls man sie natürlich entdeckt. Wir sind doch nicht ganz naiv oder?

Mittlerweile finden Proteste statt, die von allen möglichen Gruppierungen und Vereinigungen organisiert werden und das weltweit. Die ursprüngliche Problematik dreht sich um einen Park, mitten in Istanbul – eigentlich um die Bäume im Park, wenn man die ersten Demonstranten ernst nimmt. Wir halten fest, ein Stadtpark in Istanbul, namentlich genannt gezi parki. Bevor die Emotionen aufkochen, will ich den Geschichtslehrer spielen, obwohl bereits ein grüner Politiker im österreichischen Bundesrat auf eine peinliche Art und Weise an dieser Aufgabe gescheitert ist.

Ein großer Teil des Parkareals wurde knapp 400 Jahre als armenischer Friedhof benutzt, 1930 erfolgte die endgültige Zerstörung des Friedhofs, mit dem anschließenden Bau des Stadtparks, geplant von Henri Prost. Die abgetragenen Grabsteine wurden, zumindest nach einigen Quellen, für den Bau wiederverwendet. Nach einer 15-jährigen Umgestaltung hatte „unser“ Stadtpark allerdings ganz andere Flächenmaße, mit der Zeit mussten Parkflächen Hotelbauten weichen – ist die aktuelle Demonstrationswelle also gar nicht neu, sondern ein Aufleben von alten Emotionen? Schlussendlich wurden auch damals Bäume gefällt, Grünflächen abgetragen, wer hat damals die Stimme erhoben und gegen die damalige Regierung protestiert? Spätestens an dieser Stelle wird es Zeit, den damaligen Ministerpräsidenten (übrigens auch den ersten) und Vertrauten Atatürks Ismet Inönü zu erwähnen. Eröffnet wurde dieser Park mit dem Namen Inönü gezi parki. Klingelt es?

Nach dieser Erläuterung stellt sich erneut die Frage, geht es von Anfang an wirklich um die Natur und um die Bäume, oder sind andere politische Aspekte im Spiel? Die Rede ist hier nicht vom arabischen Frühling. In der Türkei ist der Frühling bald vorbei, sommerliche Temperaturen locken bereits die ersten Touristen, der türkische Sommer kommt.

#occupysummer